Legasthenie hat nichts mit Dummheit zu tun!

Einige Leute halten lese-rechtschreibschwache Kinder immer noch für „dumm“, weil sie daran gewöhnt sind, Intelligenz am Stand der schulischen Leistungen zu messen. Kein Wunder, dass Kinder in den ersten beiden Schulklassen, in denen es in erster Linie auf das Lesen und Schreiben ankommt, schnell den Eindruck erwecken minderbegabt zu sein. Viele von ihnen zeigen jedoch im Mathematik- und Sachkundeunterricht, dass sie durchaus in der Lage sind, Zusammenhänge logisch zu erfassen.

Kinder können in den ersten beiden Grundschuljahren vorhandene Schwierigkeiten geschickt kaschieren, indem sie beispielsweise Lesetexte auswendig lernen. Sie sind so in der Lage „flüssig vorzulesen“. Hier kann es sogar passieren, dass das Kind das Lesebuch verkehrt herum hält.

Ebenso lernen sie mit größter Gedächtnisanstrengung die einzelnen Buchstaben der Diktate bzw. einzelne Wörter (sog. Lernwörter) auswendig.
Das ermöglicht ihnen, zumindest durchschnittliche Rechtschreibleistungen zu erzielen ohne jedoch die richtige Schreibweise der darin erhaltenen Wörter zu beherrschen.

Schwieriger wird es für die Kinder ab der dritten Klasse. Ab diesem Zeitpunkt werden ungeübte Diktate geschrieben und das Kind schreibt dann scheinbar aus unerklärlichen Gründen kaum noch ein Wort richtig.
Auch in den Fächern Mathe und „Menuk“ wird mehr und mehr das Lese- und Schreibvermögen vorausgesetzt. In Mathematik müssen u.a. Textaufgaben gelesen, und inhaltlich erfasst werden. Im Fächerverbund „Menuk“ (Mensch, Natur und Kultur) sind viele Lerninhalte von der Tafel abzuschreiben. Generell müssen Kinder in Klassenarbeiten oder Lernkontrollen gestellte Fragen zunächst verstehen und dann schriftlich beantworten. Selbst in Religion und Musik werden zunehmend mehr schriftliche Lernkontrollen durchgeführt.

Das Niveau auf weiterführenden Schulen steigt stetig: Das Kind muss sich aus Sachtexten unzählige Informationen erlesen, und deren Inhalte erschließen. Zu diesen Schwierigkeiten gesellt sich noch der Erwerb mindestens einer Fremdsprache dazu, z.B. Englisch.

Einem lese-und rechtschreibschwachen Kind fällt es nun immer schwerer, zu beweisen, dass es gelernt hat. Während andere Kinder der Klasse bereits am Lösungsweg einer bestimmten Aufgabe (z.B. Textaufgaben) arbeiten, versucht das lese-rechtschreibschwache Kind immer noch mühsam herauszufinden, wie die Aufgabenstellung überhaupt lautet. Es hat dabei u.a. Mühe den Text zu erlesen bzw. ihn zu verstehen. Das Kind bewältigt die Situation dadurch, dass es eine ganz eigene Aufgabe „entwickelt“, die mit der eigentlichen Aufgabe des Lehrers nichts mehr zu tun hat oder diese erst gar nicht löst, obwohl es die Rechenoperationen im Normalfall gut und sicher beherrscht.

So oder ähnlich ergeht es lese-rechtschreibschwachen Kindern auch in allen anderen Fächern. Obwohl es die meisten Fragen sehr gut beantworten könnte, scheitert es auf Grund seiner Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten. Würden die Aufgaben mündlich gestellt werden, hätte es deutlich weniger Schwierigkeiten bei der Bewältigung der Aufgaben.

Auch die Deutschaufsätze werden immer schlechter. Obwohl das Kind schön und auch sprachlich gewandt erzählen kann, fällt ihm nichts mehr ein, sobald es die Geschichte aufschreiben muss, da es nur noch über die richtige Schreibweise einzelner Wörter nachdenkt.

So kommt spätestens in der dritten Klasse bei Lehrern und Eltern der Verdacht auf, das Kind sei in allen Fächern schwach. Mit einer objektiven Beurteilung der Intelligenz hat das aber nichts zu tun, denn das Kind konnte ja sein gelerntes Wissen gar nicht anwenden, da es zum wiederholten Mal nur auf seine Lese- und Rechtschreibfertigkeiten geprüft wurde. Es ist umgekehrt oft erstaunlich, dass ein lese-rechtschreibschwaches Kind trotz seiner Schwierigkeiten noch durchschnittliche und sogar überdurchschnittliche Leistungen in anderen Fächern erbringt.