Üben, üben, nochmals üben?

Wahrscheinlich haben Sie, als die besonderen Schwierigkeiten bei Ihrem Kind offensichtlich wurden, mit ihm verstärkt geübt. Doch dies hat unter Umständen nicht viel geholfen: Ihr Kind hat keine Fortschritte gemacht, und bald wurden Sie ungeduldig, zumal Sie sicher mit erheblichen Widerständen, Unlust und Aggressionen Ihres Kindes zu kämpfen hatten.

Das Kind leidet nämlich selbst darunter, dass ihm das Erlernen des Lesens und Schreibens so schwer fällt. Und es verliert schnell den Mut, wenn andere Personen noch ungeduldig auf es einreden.

Versetzen Sie sich doch mal in die Lage Ihres Kindes: Lesen und Schreiben sind neben dem Rechnen für das Kind die einzigen möglichen Schulerfolge. Je stärker die Leistungen in diesen Bereichen nachlassen, desto eher gibt es sein Interesse am Unterricht auf. Diese Situation für das Kind zu verstehen, bedeutet zugleich auch, die gegebene Situation zu akzeptieren. Sollten Sie wissen, dass Sie diese nötige „Engelsgeduld“ nicht aufbringen können, die für ein lese-rechtschreibschwaches Kind notwendig ist, dann üben Sie lieber nicht mit Ihrem Kind sondern überlassen es Menschen, die in dieser Situation neutral und mit gezieltem Fachwissen arbeiten können.

Sinnvolles Üben setzt außerdem – selbst wenn es sich um vermeintlich „einfache“ Rechtschreibprobleme handelt – ausreichende und sichere Kenntnisse der deutschen Orthographie und ihrer phonologischen Strukturen voraus. Wenn dem Kind nämlich nur mitgeteilt wird, dass ein Wort so und nicht anders geschrieben wird, muss es die Schreibweise auswendig lernen. Das Kind muss aber verstehen, warum in dieser bestimmten Schreibweise geschrieben werden muss.

Es kann auch sein, dass Sie Ihrem Kind bereits „tausendmal erklärt“ haben, dass bei einem langen Selbstlaut wie im Wort Mohn ein Dehnungs-h steht und bei kurzem Selbstlaut wie in Sonne der nachfolgende Mitlaut verdoppelt wird. Nur schreibt das Kind beim nächsten Mal konsequent Mohnd und Mohnat und sonnst und kommt ganz durcheinander, weil wieder etwas nicht stimmt.

Es ist also sehr wichtig, dass die Erklärungen auch richtig und genau sind, weil Sie sonst das Kind nur noch mehr verwirren.

Man kann Hilfestellungen bereits dadurch geben, indem man dem Kind eine Art Ausschlussregel an die Hand gibt. Es gibt ihm eine gewisse Sicherheit, wenn es weiß, dass nach einem kurzen Selbstlaut niemals ein Dehnungs-h folgt und nach einem langen Selbstlaut niemals ein Doppelkonsonant.

Wenn Sie sich jedoch die Mühe machen möchten und es zeitlich auch können, die einzelnen Regeln und Kriterien der deutschen Rechtschreibung wieder zu vergegenwärtigen, um diese mit Ihrem Sohn oder Ihrer Tochter Schritt für Schritt aufzuarbeiten und zu üben, sollten Sie unbedingt darauf achten, dass jeweils nur ein Rechtschreibschwerpunkt bearbeitet wird. Wird beispielsweise die Groß-Kleinschreibung erarbeitet, sollte die Aufmerksamkeit des Kindes nicht zugleich auf andere Fehlerquellen gelenkt werden. Das passiert leicht, wenn das Übungsmaterial zu komplex ist. Das überfordert Ihr Kind nur und die Konzentration ist nicht mehr auf das anstehende Thema gerichtet. Ihr Kind kann nicht alles auf einmal aufholen und die Fehlerschwerpunkte, die noch nicht behandelt worden sind, „dürfen“ auch weiterhin als Fehler vorhanden sein.

Erfolgserlebnisse können auch dadurch erreicht werden, indem man bestimmte Übungen in größeren Abständen nochmals wiederholt. Manche Schwierigkeiten benötigen einfach Zeit, damit sich die richtige Schreibweise einzelner Regeln „setzen“ kann. Bitte zählen Sie beim Üben immer nur die richtigen Lösungen und niemals die Fehler, denn auch die kleinsten Fortschritte müssen dem Kind durch Lob und Anerkennung bewusst gemacht werden.

Es ist sehr wichtig klare Abmachungen darüber zu treffen, an welchen Tagen und wie lange geübt werden soll. Dabei sollten Sie die Konzentrationsfähigkeit Ihres Kindes berücksichtigen und wissen, wie stark die Belastung durch die Hausaufgaben ist. Nach unserer Erfahrung ist eine tägliche Übungszeit von 15 bis 30 Minuten ausreichend. Diese Abmachungen sollten unbedingt eingehalten werden, um die Belastungen des Kindes durch die zusätzlichen Übungen nicht noch zu vergrößern.

Auf Grund ihrer Lese-Rechtschreibschwierigkeiten müssen betroffene Kinder sowieso mehr üben als ihre Mitschüler und Freunde und das auf Kosten ihrer Freizeit. Bestrafen Sie ihr Kind also nicht durch das Streichen eines geliebten Hobbys.

Zusammenfassung der Grundsätze für das Üben mit lese-rechtschreib- schwache Kindern

  1. Wer mit dem Kind übt, sollte sehr viel Geduld aufbringen können, sonst ist das Üben sinnlos.
  2. Anschreien und Schimpfen helfen nicht weiter!
  3. Das Kind muss verstehen, was geübt wird.
  4. Die Übungen sollten auf jeweils ein Rechtschreibproblem begrenzt werden.
  5. Die Übungszeit muss abgesprochen und eingehalten werden.
  6. Das Kind muss Erfolge erfahren, und seien sie auch noch so klein.
  7. Lob und Anerkennung durch Erwachsene helfen dem Kind sein Selbstvertrauen zu stärken.

Mit der Beachtung dieser Grundsätze unterstützen Sie Ihr Kind beim Umgang mit seinen Lese- und Rechtschreibproblemen. Unter Umständen kann selbst aber das nicht ausreichen, vor allem dann, wenn Ihr Kind wahrnehmungsbedingte Schwierigkeiten bei der Lautdifferenzierung hat und diese ohne adäquate therapeutische Förderung nicht behoben werden können.