Aus unserer Erfahrung

Mehrjährige therapeutische Arbeit mit dem Therapieprogramm Karla (Karlsruher Therapieprogramm für Rechtschreib- und Rechenschwäche mit integrierter Lernanalyse) ist für uns Anlass, an dieser Stelle eine vorläufige Bilanz zu ziehen.

Vom Alter und vom Bildungsstand her lassen sich keine Abgrenzungen der von Legasthenie/LRS Betroffenen machen. Praktisch findet sich in allen Alters- und Klassenstufen und in jeder Schulform eine Anzahl von Kindern und Jugendlichen, die unter Lese-Rechtschreibschwierigkeiten leiden. Die Zahl der Betroffenen, die aus weiterführenden Schulen zu uns kommen, ist geringer, da in vielen Fällen die Lese- Rechtschreibschwäche leider den Besuch der weiterführenden Schule, z.B. des Gymnasiums, verhindert hat.

Hinsichtlich der Fehlerarten lassen sich, vereinfacht gesagt, drei Gruppen von Betroffenen unterscheiden:

  1. Gruppe:
    Die Umsetzung der Laute in Zeichen (Laut-Zeichen-Verknüpfung) wird nicht oder nur unzureichend beherrscht (Primärer Wahrnehmungsbereich).
     
  2. Gruppe:
    Die Umsetzung der Laute in Zeichen wird zwar beherrscht, dabei wird aber nicht unterscheiden, ob Selbstlaute lang oder kurz gesprochen werden. Dadurch tauchen große Probleme in der Dehnung und Schärfung auf (Sekundärer Wahrnehmungsbereich).
     
  3. Gruppe:
    Die regelhaften Schreibweisen (z.B. Groß-Kleinschreibung) werden nicht oder nur unzureichend beherrscht (Regelbereich).

Die Erfahrung zeigt, dass zur ersten Gruppe meistens nur jüngere Schüler bis zur vierten Klasse gehören. Die Betroffenen haben in der Regel auch im sekundären Wahrnehmungsbereich und im Regelbereich Schwierigkeiten. Zur zweiten Gruppe gehören i.d.R. Schüler ab der dritten Klasse und den weiterführenden Schulen.

Kinder aus der ersten Gruppe haben im Wesentlichen folgende Schwierigkeiten:

  • Sie schreiben irgendwelche Buchstaben, wenn sie ein Wort hören. Den Zusammenhang zwischen dem gehörten Laut und dem passenden Buchstaben kennen sie nicht.
Beispiel: Diktiert wird dem Kind Lilo, das Kind spricht das Wort richtig nach und schreibt aber stattdessen beispielsweise r – u – s – a. Es hat also irgendwelche Buchstaben, die es kennt, notiert.
     
  • Sie schreiben einige richtige Buchstaben des gehörten Wortes, aber in falscher Reihenfolge, mit Auslassungen oder Hinzufügungen.
Beispiel: Statt Brot wird Bort oder Bolt geschrieben, aus Wurst entsteht Wrust, Wust oder Wulst. 
Die Auslassungen entstehen aber auch dadurch, dass die Kinder den Unterschied zwischen dem Buchstabennamen und dem Laut des Buchstaben nicht kennen.
     
  • Sie haben Schwierigkeiten bei der Unterscheidung einzelner Laute. Beispiel: Statt Tante wird Dande geschrieben.
     
  • Den Kindern bereiten Sonderschreibweisen der Buchstabenverbindungen sp; st; qu  häufig ebenfalls Schwierigkeiten, da sich die Aussprache vom Schriftbild unterscheidet.
Beispiel: Man schreibt spielen, stehen oder Quark, hört und spricht aber schpielen, schtehen oder Kwark. 
All diese genannten Schwierigkeiten können auch beim Lesen auftreten. Dadurch ist natürlich die Erfassung der Wortbedeutung erschwert oder im schlimmsten Fall gar nicht mehr möglich. Kinder mit solchen Schwierigkeiten im primären Wahrnehmungsbereich sind im normalen Rechtschreibunterricht überfordert. Sie behelfen sich unter Umständen damit, dass sie die Schriftbilder ganzer Wörter auswendig lernen. Allerdings haben sie spätestens bei ungeübten Diktaten große Probleme. 
Kinder oder Jugendliche aus der zweite Gruppe haben im Wesentlichen Schwierigkeiten bei der Unterscheidung langer und kurzer Selbstlaute (dieser Fehlerschwerpunkt zieht sich durch alle Altersgruppen hindurch).
     
  • Die Kinder haben große Probleme mit den Schreibweisen der Dehnung (Dehnungs-h, ie oder Doppelvokale). Beispiele: Bohne – Bone; Boden – Bohden; Maschine -Maschiene;
Saal – Sal.
     
  • Sie haben Schwierigkeiten bei den Schreibweisen der Schärfung (Dopplung von Mitlauten, einschließlich ck und tz). Beispiel: Statt er rennt wird er rent geschrieben; kommen – komen; die Brücke – die Brüke; danken – dancken; die Katze – die Kaze; der Arzt – der Artzt. 
Bei höheren Klassenstufen fallen in zunehmendem Maße auch Schwierigkeiten in der Groß-Kleinschreibung, der Ableitung, der Sonderzeichen als auch der Zusammen- und Getrenntschreibung auf. Das sind die schwierigsten Kapitel der deutschen Rechtschreibung. Sie enthalten leider auch sehr viele Sonderregeln und Ausnahmewörter.
     
  • Kinder können die Klangbilder der Buchstaben F und W nicht von dem des Sonderbuchstabens V unterscheiden.
Beispiel: Vater – Fater; Vase – Wase;
Vampir - Wampir.
     
  • Sie haben Schwierigkeiten bei Schreibweisen, deren Klangbild gleich klingt. Die Doppellaute eu/äu können nur durch gezielte Ableitungen differenziert werden: Treue-treu, Bäume-Baum. Auch Mitlaute (g-k, b-p, d-t), die am Wort-oder Silbenende immer hart klingen, müssen Kinder ableiten, um Unterschiede herauszuarbeiten: Burg-Burgen, Leib-Leiber, Wald-Wälder.

     

  • Die Regeln der Groß-Kleinschreibung werden in Grundzügen normalerweise von Kindern beherrscht, aber sobald Verben und Adjektive zu Nomen werden bzw. wenn ein Satz keine Artikel (der, die, das) enthält, haben sie große Probleme mit der Richtigschreibung.
     
  • Wortverbindungen werden einmal zusammen und einmal getrennt geschrieben, wobei sich auch gleichzeitig noch die Groß-Kleinschreibung ändern kann: „teilnehmen“ und „zurückgeben“, aber „Eis laufen“ und „Rad fahren“.

Für alle Fehlergruppen gilt, dass sich die Lese-Rechtschreibschwäche auf andere Schulfächer auswirken kann, sobald der Unterrichtsstoff verstärkt in schriftlicher Form dargeboten wird. Im Mathematikunterricht haben Kinder Textaufgaben zu lösen; in Sachkunde, sowie im Geschichtsunterricht, in Chemie oder Physik müssen sie in der Lage sein, Arbeitsaufträge oder Informationen des Lehrers frei im Heft mitzuschreiben. So weitet sich die Überforderung des Kindes allmählich auf alle schulischen Leistungsbereiche aus. Die Folgen sind eine allgemeine Verschlechterung seiner Leistungen und steigende Schulunlust. 
Leider machen wir in diesem Zusammenhang häufig folgende Beobachtung:
In vielen Fällen sorgen sich die Eltern und Lehrer mehr um die allgemeine Leistungs- und Schulunlust und um die schlechte Konzentration des lese-rechtschreibschwachen Kindes als um die besondere Problematik seiner Rechtschreibfehler. Sie befürchten, dass es beim Kind zusätzlich zu seiner Beeinträchtigung im Lesen und Rechtschreiben auch zu Störungen in der persönlichen Entwicklung kommt. 
Erfahrungsgemäß können sich psychische Folgeprobleme wie Unlust, Aggressionen, Konzentrationsstörungen etc. weit weniger verfestigen, je frühzeitiger und gezielter die Rechtschreibprobleme behandelt werden. Am wichtigsten ist dabei, dass die Therapie an dem Punkt ansetzt, an dem die Schwierigkeiten ihren Ausgangspunkt genommen haben, nämlich an der mangelnden Rechtschreibung. Solange dieses Problem weiter besteht, verstärkt es sich und mit ihm die Folgeprobleme. Eine Therapie, die nicht die Rechtschreibprobleme behandelt, z.B. eine reine Gesprächstherapie, eine Spieltherapie etc., kann daher nur begrenzten Erfolg haben. 
Umgekehrt machen wir oft die Erfahrung, dass die betroffenen Kinder wieder eifrig und gern lernen, wenn sie merken, dass ihre Unsicherheiten, Lernlücken und die selbstgebastelten Regeln allmählich abgebaut werden. Die Erfolgserlebnisse stärken das Selbstbewusstsein und führen zur Stabilisierung des gesamten Lernverhaltens. 
Daher legen wir sehr großen Wert auf die kontinuierliche Zusammenarbeit mit den Eltern und Lehrern um gemeinsam eine Lösung zu finden. Es ist für uns sehr wichtig, das Üben zu Hause sowie das Lernen in der Schule soweit wie möglich mit dem Therapieverlauf abzustimmen.