Eine Legasthenie hat auch nichts mit Unkonzentriertheit zu tun!

Das Kind konzentriert sich nicht richtig, hört nicht zu, ist unaufmerksam und macht deshalb so viele Fehler.
Unkonzentriertheit hat aber nicht zwingend damit zu tun, dass Kinder schlecht lesen oder schreiben können.

Der Verdacht der Unkonzentriertheit entsteht dadurch, dass das Kind immer erst noch viele andere Dinge „erledigen muss“, bevor es mit den Hausaufgaben beginnen kann. So kann man oft folgende Situationen beobachten: Kaum sitzt das Kind, steht es schon wieder auf, dann sind die Hausaufgaben unklar, es fehlt der Teddy oder der Glücksbringer auf dem Tisch, vorher muss noch etwas getrunken werden, usw. Beim Schreiben geht es weiter, da fehlt die Patrone, der Füller schmiert oder es müssen Tintenkleckse beseitigt werden und vieles mehr. Diese Situation kann den ganzen Nachmittag so weiter gehen. Schnell drängt sich natürlich der Gedanke auf, das Kind könne sich nicht konzentrieren.

Bisher hat es aber nur gelernt, dass Lesen und Schreiben schwerer Schulstoff ist, der kaum zu bewältigen ist. Alle die zuvor beschriebenen Hausaufgabensituationen sind in Wahrheit Strategien, alles zu vermeiden, was unmittelbar mit Lesen und Schreiben zu tun hat.

Bei anderen Tätigkeiten ist das Kind oft sehr konzentriert. Zum Beispiel beim Legospielen. Wie lange hält es durch und setzt viele kreative Ideen um? Auch am Computer überrascht es die Eltern immer wieder mit einer langen Ausdauer und schlauen und geschickten Lösungen. Selbst beim Malen und Rechnen oder bei der Klärung von Fragen zu verschiedenen Sachthemen, arbeiten Kinder oft mit hoher Ausdauer und Konzentration.

Beim Diktat muss sich Ihr Kind auf jeden einzelnen Buchstaben im Wort konzentrieren. Eine Zeit lang geht das auch gut und es hat dann in den ersten zwanzig Wörtern nur wenige oder sogar überhaupt keinen Fehler. Aber dann nützt alle Konzentration nichts mehr, weil es einfach nicht mehr sicher ist, für welche der vielen Rechtschreibmöglichkeiten es sich entscheiden soll. Schreibt man VATER nun mit f oder v, BOHNE mit oder ohne Dehnungs-h? Während sich ihr Kind auf dieses eine Wort konzentriert, geht aber der Diktattext weiter und es weiß schon nicht mehr, wie das nächste Wort heißt und erst recht nicht, wie man es schreiben muss.

Häufig werden solche Fehler als Leichtsinnsfehler bezeichnet, aber das Kind war nicht leichtsinnig. Es hat gründlich alle Möglichkeiten der Rechtschreibung durchdacht.
Das lese-rechtschreibschwache Kind hat beim Diktat wie auch bei den Hausaufgaben keinen gesicherten Fundus auf den es beim Schreiben zurückgreifen kann. Es muss sich bei jedem Buchstaben konzentrieren und die Schreibweise eines Wortes neu herleiten, ohne dass es damit sicher zur richtigen Lösung gelangt. Entsprechend schnell ist es mit seiner Konzentrationsanstrengung am Ende.

Was wie Konzentrationsmangel erscheint, ist in aller Regel auf Überanstrengung zurückzuführen und als eine Art natürlicher Abwehrmechanismus zu verstehen. Die Unaufmerksamkeiten sind in der Mehrzahl der Fälle die Folge nicht erkannter Lese- Rechtschreibschwierigkeiten. Folglich führt der gut gemeinte Rat „Konzentriere dich besser“ häufig zum gegenteiligen Ergebnis; das Kind fühlt sich in seiner Anstrengung völlig missverstanden und beginnt, mehr und mehr negative Urteile über sich selbst zu entwickeln.