Was kann die Schule tun?

Auch Lehrer fühlen sich im Umgang mit Lese-Rechtschreibschwierigkeiten oft überfordert. Leider gehört bis heute grundlegendes Wissen in Fragen der Diagnostik und des unterrichtsspezifischen oder gar therapeutischen Umgangs mit solchen Schwierigkeiten nicht zum festen Bestandteil der Lehrerausbildung. Dieser Ratgeber kann solche Defizite in der Lehrerausbildung nicht kompensieren. Er möchte jedoch Lehrern die Möglichkeiten aufzeigen, möglichst frühzeitig auf entsprechende Schwierigkeiten aufmerksam zu werden. Ebenso soll der pädagogisch/rechtliche Rahmen erörtert werden, der ihnen für lese-rechtschreibschwache Schüler zur Verfügung steht.

Kinder mit Lese-Rechtschreibschwierigkeiten können v.a. in der Grundschule sehr gut abschreiben und verfügen oft über erstaunliche Fähigkeiten, Texte bis ins kleinste Schreibdetail auswendig zu lernen. Das kommt vor bei geübten Diktaten. Deshalb fallen fehlerhafte Rechtschreibleistungen bei diesen Kindern in den ersten beiden Schuljahren oft nicht auf. Wichtig wäre nun, dass frühzeitig auch ungeübte Diktate mit dem bis dahin gelernten und klassenstufenspezifischen Wortmaterial geschrieben werden. Denn um wirklich sicherzustellen, wie die Qualität der Lernfortschritte der Kinder aussieht, sollte der Lehrer entsprechendes Material verwenden, in dem der wirkliche Schreibvorgang zum Ausdruck kommt.

Das soll nicht bedeuten, dass die Technik, Diktattexte zu üben, und damit oft auswendig zu lernen, pädagogisch unsinnig ist. Die meisten Kinder lernen das Schreiben so sehr gut und die Erfolge, die das Kind damit erzielt, wenn es bei einem geübten Text fast alles richtig hat, sind ein wichtiger Ansporn für das weitere Lernen.

Es sollte selbstverständlich sein, das diese Schrift- und Schreibproben nicht zur Bewertung und Benotung herangezogen oder gar mit Rotstift korrigiert und zur Verbesserung als Hausaufgabe aufgegeben werden. Die Lehrer sollten solche „Lernkontrollen“ unauffällig durchführen, da sie ihnen lediglich als Informationen über den Entwicklungsstand der Rechtschreibleistungen ihrer Schüler dienen sollen. So können die Schwierigkeiten der Kinder rechtzeitig erkannt und frühzeitig mit einer speziellen Förderung begonnen werden.

Ob die Förderung mit speziellen binnendifferenzierenden Maßnahmen im Unterricht selbst oder besser im Förderunterricht erfolgen kann oder ob qualifizierte außerschulische Nachhilfe oder gar eine therapeutische Hilfe nötig ist, muss von Fall zu Fall entschieden werden. Auf alle Fälle sollte sich der Lehrer nicht scheuen, den zusätzlichen Bedarf für individuelle Gruppenförderung beim Schulleiter anzumelden. Dies ist geregelt in der:

Verwaltungsvorschrift des Kultusministeriums von Baden-Württemberg zur Förderung von Schülern mit Schwierigkeiten im Lesen und/oder Rechtschreiben vom 10.12.1997[1].

Die Verwaltungsvorschrift formuliert zum einen, die auch in § 1 des baden- württembergischen Schulgesetz festgelegten, grundsätzlichen Pflichten der Schule, die für die Vermittlung der Schreib- und Lesefertigkeiten notwendigen Mittel sachlich und personell bereitstellen sollen. Sie bestätigt, dass Kinder dabei versagen können, und macht der Schule zur Aufgabe, solche Schwierigkeiten so früh wie möglich zu erkennen. Zweitens bestimmt sie Fördermaßnahmen, um eine dem individuellen Leistungsvermögen entsprechende Schullaufbahn zu ermöglichen und diese nicht an mangelndem Schreib- und Leistungsvermögen scheitern zu lassen. Drittens gibt die Verwaltungsvorschrift Richtlinien für die Leistungsfeststellung solcher Kinder und viertens erwähnt sie die Wichtigkeit der Zusammenarbeit mit den Eltern, ohne hier jedoch ins Detail zu gehen.

Für wen gilt die Verwaltungsvorschrift?

Die Verwaltungsvorschrift nimmt Bezug auf lese-rechtschreibschwache Kinder, gibt aber als Kriterium, was darunter zu verstehen ist, lediglich die Auswirkung in den Schulnoten der Lese- und Rechtschreibleistungen an. Das bedeutet, dass die Schulnoten des Kindes unter Note „4“ verschiedene Ursachen haben können. Sie gilt damit für die allermeisten lese-rechtschreibschwachen Kinder. Die Verwaltungsvorschrift gilt grundsätzlich für die gesamte Schulzeit und unabhängig vom jeweiligen Schultyp. Sie legt zwar das Schwergewicht auf die ersten Schuljahre, kann aber in „begründeten Einzelfällen“ auch noch ab der 7. Klassenstufe angewendet werden.

Welche Fördermaßnahmen werden in der Verwaltungsvorschrift angeboten?

Die Verwaltungsvorschrift gibt als Fördermöglichkeiten neben den integrierenden Maßnahmen den Förderunterricht an, die Stundenanzahl muss dem Ergänzungsbereich entnommen werden. Damit sind aber die Probleme bereits vorprogrammiert. Es ist zwar recht gut, wenn für lese-rechtschreibschwache Kinder wöchentliche Förderstunden bereitgestellt werden, aber es ist gänzlich unzureichend, wenn dann acht bis zehn Kinder mit ganz unterschiedlichen Schreibproblemen an diesem Förderunterricht teilnehmen. Der Unterricht findet an sogenannten Stützpunktschulen statt. Fraglich ist, ob die entsprechenden Lehrer intensiv und gut in diesem Bereich ausgebildet worden sind. Darüber hinaus wird der Ergänzungsbereich (die zur Verfügung stehende Stundenanzahl) fast aller Schulen in Baden-Württemberg laufend gekürzt, sodass die Fördermaßnahmen an vielen Schulen nur noch auf dem Papier besteht.

Ausdrücklich erwähnt wird in der Verwaltungsvorschrift bei den Fördermaßnahmen auch die Zusammenarbeit mit den Fachlehrern, insbesondere mit den Lehrern des Fremdsprachenunterrichts. Das ist für lese-rechtschreibschwache Kinder besonders wichtig, denn auf diese Weise berücksichtigt die Verwaltungsvorschrift, dass eine angemessene Förderung auch über den allgemeinen Deutschunterricht hinausgeht. Solche Kinder sind in ihrer Entwicklung stark davon abhängig, dass ihnen Möglichkeiten der Leistungsentfaltung unabhängig von der vorherrschenden Form der schriftlichen Stoffvermittlung angeboten werden. Besonders wichtig ist für die Kinder die Würdigung ihrer guten bis sehr guten mündlichen Leistungen und das Lob für eine Fachleistung, auch wenn das Wort falsch geschrieben wurde und der Lehrer Mühe hatte das Wort überhaupt zu entziffern. Aus diesem Grund ist es wichtig, dass die Fachlehrer Verständnis für die Teilleistungsschwäche des Kindes haben.

Wie sieht die Leistungsfeststellung eines lese-rechtschreibschwachen Kindes nach der Verwaltungsvorschrift aus?

Die Verwaltungsvorschrift sieht eine Berücksichtigung in der Notengebung für lese- rechtschreibschwache Kinder vor. Lehrer haben dabei die Möglichkeit, die Rechtschreibleistung in allen anderen schulischen Leistungen, außer Acht zu lassen und in den Diktaten auf eine Ziffernbenotung zu verzichten. Hier kann der Lehrer statt der Note „6“ auch eine wohlwollende und aufmunternde Bemerkung unter die Arbeit schreiben. Die notenbezogene Rücksichtnahme gilt unabhängig davon, ob in den jeweiligen Schulen Fördermaßnahmen durchgeführt werden oder nicht. Sie gilt auch für die Erstellung der, inzwischen unverbindlichen, Schulempfehlung für weiterführende Schulen in der vierten Klasse und erst recht für die weiterführenden Schulen.

Auch beim Diktat selbst haben Lehrer viele „pädagogische Freiheiten“ lese-rechtschreibschwache Kinder zu unterstützen. Das geht soweit, dass das Kind ganz spezielle Aufgaben und Hilfen erhält oder das Diktat überhaupt nicht mitschreiben braucht. Sinnvoll können in diesem Zusammenhang z.B. das Abschreiben des Diktattextes oder auch Lückendiktate sein. Allgemeine Richtlinien und Handlungsanweisungen gibt es allerdings nicht und müssen von Fall zu Fall neu entschieden werden.

An dieser Stelle noch eine kurze Bemerkung zur sogenannten „Lehrerfarbe Rot“. Lehrer behalten sich diese Farbe für ihre Bemerkungen und Korrekturen aus gutem Grund vor; Kinder sollen diese Signalfarbe als eine Art Ansporn sehen. Nur leider ist für viele lese- rechtschreibschwache Kinder die Farbe „Rot“ gleichbedeutend mit Entmutigungen und Strafen. Natürlich wird sich die Fehleranzahl nicht verringern wenn eine andersfarbige Tinte benutzt würde, aber Diktate und Aufsätze fallen dann nicht gleich ganz so schlecht und hoffnungslos aus.

Die Versetzung soll nach der Verwaltungsvorschrift nicht durch mangelhafte Rechtschreibung gefährdet sein. Auch für die Versetzung ist die Beurteilung der Rechtschreibleistungen zurückhaltend zu gewichten. Es gibt noch sehr viele weitere Möglichkeiten einer entwicklungsgerechten Beurteilung. Sie alle sind in den Versetzungsordnungen, vor allem in den weiterführenden Schulen, enthalten. So gibt es die Möglichkeit einer individuellen Sonderbeurteilung, denn auch ein gehbehindertes Kind wird nicht nur an seinen Hochsprungleistungen gemessen.


[1] Zum 31.12.2004 ist die Verwaltungsvorschrift zur „Förderung von Schülern mit Schwierigkeiten im Lesen und/oder Schreiben“ vom 10. Dezember 1997 außer Kraft getreten, da die Laufzeit von Verwaltungsvorschriften im Zuge der Verwaltungsreform auf sieben Jahre reduziert wurde. Aber das Kultusministerium weist in Anfragen darauf hin, dass im Sinne der alten Verwaltungsvorschrift weiter zu verfahren sei, bis eine neue vorliegt.