Die Legasthenie ist eine umschriebene Entwicklungsstörung

Die Klassifikation der international bekannten Diagnosen der Weltgesundheitsorganisation (ICD-10) beschreibt die LRS als eine Entwicklungsstörung des Kindesalters. Damit nimmt sie neben den Entwicklungsstörungen der motorischen Funktionen sowie des Sprechens und der Sprache ihren Platz als die dritte große Entwicklungsstörung des Kindesalters ein.

Sie wird deswegen als eine Entwicklungsstörung eingestuft, weil sie durch einen typischen Entwicklungsverlauf charakterisiert ist: Eine LRS tritt in der Regel von Beginn der schulischen Lernentwicklung an auf. Dennoch wird sie bei einem Teil der betroffenen Kinder erst während der dritten (oder gar erst vierten Klasse) in ihrem Ausmaß bemerkt, also zu einem Zeitpunkt, wenn die ersten ungeübten Diktate geschrieben werden. Fachleute wissen, dass sich eine LRS zwischen der 1. und 5. Schulklasse manifestiert.

Nicht selten werden die Schwierigkeiten auch als nicht besorgniserregende Entwicklungsverzögerungen betrachtet, die sich mit der Zeit auswachsen würden („das kommt schon noch, das wächst sich aus“). Ob das tatsächlich so ist, muss jedoch im Einzelfall gründlich abgeklärt werden.

Der Entwicklungsverlauf der LRS zeichnet sich weiterhin dadurch aus, dass er stetig ist. Das bedeutet, dass der Lernprozess nicht durch einen Wechsel von auffälligen und dann wieder normalen Phasen gekennzeichnet ist. Es gibt keine zwischenzeitliche normale Lernentwicklung im Schreiben und/oder im Lesen.

Nach den diagnostischen Kriterien der WHO sind die Lernprobleme resistent, d. h. übliche Nachhilfen, auch wenn sie vermehrt gegeben werden, oder das häusliche Üben führen nicht zu einer anhaltenden Besserung und Reduktion der Lernprobleme.

Eine Lese- und Rechtschreibstörung ist also nicht auf Faulheit zurückzuführen. Nicht nur die Eltern machen diese leidvolle Erfahrung, sondern auch die betroffenen Kinder. Kinder mit LRS üben in der Regel bedeutend mehr als ihre Klassenkameraden, jedoch ohne Erfolg.

Oft weisen die aktuellen Lernprobleme eine Vorgeschichte auf. Auffälligkeiten im Erwerb der Sprech- und Sprachfertigkeiten können bei einer LRS in der vorschulischen Entwicklung vorgelegen haben. Selbst subtile Sprachprobleme können noch den Erwerb des Lesens und Schreibens beeinträchtigen.