Aktueller Forschungsstand zur Legasthenie

In den letzten 20 Jahren hat die Forschung bezüglich Symptomatik und Verlauf der Legasthenie große Fortschritte gebracht. Allerdings erleben wir in der täglichen Beratungspraxis, dass die wissenschaftlichen  Ergebnisse kaum die Alltagsvorstellungen über Lese-Rechtschreibstörungen verändert haben. Nach wie vor unterliegt das lese- und rechtschreibschwache Kind unausgesprochen oder ausgesprochen dem Verdacht, minderbegabt oder faul zu sein, oder der gern gestellten „Globaldiagnose“, sich nicht genug zu konzentrieren. Dass eine mögliche Lese- und Rechtschreibschwäche vorliegen könnte, wird immer noch zu selten angenommen.

Die wissenschaftlichen Ergebnisse finden sich leider auch in der lerntherapeutischen Arbeit mit lese- und rechtschreibschwachen Kindern nur z.T. wieder. Vielmehr werden in den letzten Jahren vermehrt „Behandlungsmethoden“ propagiert, die die Komplexität des Systems unserer Schriftsprache und die spezifischen Strategien seines Erwerbs nicht fassen und letztendlich wirkungslos bleiben.

Der aktuelle und gültige Forschungsstand zur Legasthenie ist veröffentlicht in der Internationalen Klassifikation psychischer Störungen (ICD-10, Kapitel V, F). Die Verantwortung hierfür trägt die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In ihrem Auftrag werden alle bekannten Diagnosen in Forschungszentren auf der ganzen Welt überprüft und wissenschaftlich abgesichert. Die Bundesrepublik Deutschland hat diese Diagnosen und die erforderlichen diagnostischen Kriterien anerkannt und als für sich verbindlich übernommen.

In dieser Klassifikation der WHO wird die Legasthenie als eine erhebliche Störung im Aneignungsprozess des Lesens und Schreibens unter der Kapitelüberschrift umschriebene Entwicklungsstörung schulischer Fertigkeiten eingestuft.