Psychische Folgen der LRS

Der Schuleintritt ist für jedes Kind eine einschneidende Erfahrung: Das bewusste Lernen rückt in den Mittelpunkt des kindlichen Lebens. Die Erfahrung von Erfolg und Misserfolg formen nun wesentlich das kindliche Selbstbild. Das Erlernen der Kulturtechniken Lesen und Schreiben hat im Erleben der Kinder eine herausragende Bedeutung. Manche Kinder schließen bereits in frühem Schulalter von ihrem spezifischen Lernrückstand auf ihre generelle Unterbegabung („ich bin dumm“, „ich lerne das nie“) als ein quasi unbeeinflussbares und stabiles Persönlichkeitsmerkmal. Die sich ständig wiederholenden Selbstwertverletzungen in Verbindung mit dem Schulbesuch können von ihnen oft nur unzureichend kompensiert werden.

Der Teufelskreis des Lernversagens kann typisierend in Anlehnung an verschiedene Erklärungskonzepte der Psychologie wie folgt dargestellt werden:

  • Diese Kinder erleben dauerhaften Misserfolg im Erlernen des Lesens und Schreibens. Bedingt durch dieses Versagen werden unangenehme Gefühle mit Elementen der Lernsituation verknüpft. Das Vorlesen vor der Klasse, die Person des Lehrers oder der Lehrerin, schon das Klassenzimmer oder das Schulheft können bereits Ängste und Minderwertigkeitsgefühle auslösen. Diese werden tagtäglich verstärkt und die Tendenz, die unangenehme Situation vermeiden zu wollen, wächst. Dieses Vermeidungsbedürfnis wird von den Bezugspersonen oft als bloße Unkonzentriertheit oder grundlose Unlust missverstanden. Die sozialen Folgen des Lernversagens (Auslachen, unangemessene Lehrerkommentare, übertriebene Elternreaktionen) führen zu weiteren negativen Konsequenzen im emotionalen Erleben des Kindes. Je länger und je umfassender solche Prozesse wirken, desto mehr wird auch die Entwicklung allgemeiner positiver Komponenten des Lernens gefährdet: Ausdauer, Reflexivität oder Problemlöseverhalten.
     
  • Die negative Bewertung seines Leistungsverhaltens durch die Umwelt („du brauchst immer so lange, du konzentrierst dich nicht genug, du merkst dir einfach nicht, wie man das Wort schreiben muss“) übernimmt das Kind in sein Selbstkonzept: Es entwickelt eine negative Selbstbewertung. Diese löst sich schließlich von der Situation ab, in der sie herausgebildet wurde, habitualisiert sich und wird zum Bestandteil des sich entwickelnden Selbstbildes, das auch durch dem Misserfolgserleben widersprechende Einzelerfahrungen nicht mehr korrigiert wird: Positive Leistungen, z.B. Rechtschreibfehler aufzufinden, werden kognitiv als weiterer Beleg des Misserfolgs gewertet und verarbeitet („mir unterlaufen immer Fehler“).
     
  • Die negativen Selbstbewertungen wirken als „sich selbst erfüllende Prophezeiungen“: Das Kind erwartet den Misserfolg und wird insgesamt misserfolgsorientiert. Aufgaben werden nicht mehr angegangen, da man sie „eh nicht kann“ mit der Folge, dass sich die Lerndefizite weiter vergrößern und sich die negative Selbstsicht verfestigt.