Der psychotherapeutische Anteil

Lesen und Schreiben sind nach der gesprochenen Sprache das elementarste Bildungsgut der modernen Gesellschaft. Es sind Kulturtechniken, die für die soziale Kommunikation und für jede Form von Ausbildung heute unentbehrlich sind; daher stehen sie am Anfang jeder Bildungskarriere. Die Beherrschung der Kulturtechniken bildet eine Normerwartung in unserer Gesellschaft. Wer diese Norm nicht erfüllt, mindert seine Chancen, sozial akzeptiert zu werden, und gefährdet seinen sozialen Status. Für Schüler und Schülerinnen mit Legasthenie beginnt bereits in der Schule die Etikettierung und Stigmatisierung als „Versager“. Das gestörte Verhältnis zwischen den institutionellen Anforderungen und den individuellen Voraussetzungen des „versagenden“ Kindes wird so zur kindlichen Charaktereigenschaft umgedeutet und ihm selbst angelastet. Dieser Fehlschluss betrifft alle Fälle von auffälligem und abweichendem Verhalten.

Die z.T. jahrelang andauernden Misserfolge im Erlernen des Lesens und Schreibens haben bei Kindern mit Legasthenie in der Regel unangenehme Gefühle mit den Elementen der Lernsituation verknüpft und verstärkt. Unterschiedlich stark ausgeprägtes Vermeidungsverhalten kann die Folge sein. Die negative Bewertung des Leistungsverhaltens durch die Umwelt wie die sozialen Folgen sind Bestandteil des sich entwickelnden Selbstbildes.

Die Lernstörung Legasthenie zieht Versagenserlebnisse nach sich. Diese können zu psychischen Fehlentwicklungen im Erleben der eigenen Person und der Umwelt führen. Die Auswirkungen der Lernstörung auf das Selbstkonzept führen zum Teil zu gravierenden psychischen und psychosomatischen Beschwerden. Lernmotivation und Lernfähigkeit sind vermindert oder verschwinden ganz. Je länger und generalisierter solche Prozesse wirkten, desto mehr wurde auch die Entwicklung allgemeiner Komponenten des Lernens gefährdet: Ausdauer, Reflexivität sowie Problemlöseverhalten. Die Erwartung des Scheiterns wirkt als self-fulfilling prophecy. Durch die Übernahme negativer Rollenerwartungen und Attribuierungen in das Selbstkonzept legasthener Kinder wird die Benachteiligung vollendet, an deren Beginn ein gestörter Lernprozess stand.

Die Veränderung von Selbstwahrnehmung, Selbstbild, Leistungsidealen, emotionalen Besetzungen und unangepassten Verhaltensketten bedarf notwendig einer zur schulischen Erfahrung im Kontrast stehenden alternativen praktischen Lernerfahrung für diese Kinder.

Durch die systematischen und erfolgsprovozierenden Übungseinheiten wird ein Lernerfolg kontinuierlich erlebbar gemacht. Die Anpassung der Anforderungen an den individuellen Entwicklungsstand des Kindes führt zu einer hohen Erfolgswahrscheinlichkeit des Lernens und damit zu befriedigenden Erfahrungen, die vorher fehlten. Lernen findet nicht an der Leistungs- und Anstrengungsgrenze und mit hoher Fehlerquote statt, also mit Bestrafungscharakter, sondern mit positiver Rückmeldung über eingeleitete und erzielte Erfolge.

Legasthene Beeinträchtigungen des Schriftspracherwerbs ziehen häufig Defizite in der Organisation des Lernverhaltens nach sich, so  z.B. schlechte Heftführung oder mangelnde Ordnung. Hierfür passen wir Konzepte aus der Verhaltenstherapie auf die spezifischen Anforderungen an die schriftsprachbezogene Handlungsplanung an.